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Foamrolling - Sinn und Unsinn der "Faszienrolle"

Die sog. Faszienrolle kommt zur Zeit viel zum Einsatz. Sie findet Verwendung sowohl bei „Alltagsathleten“ als auch im professionellen Sport. Dem Training mit der Rolle werden die verschiedensten Effekte nachgesagt. So wird sie u.a. bei Patienten genutzt um Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu steigern. Bei ambitionierten Sportlern soll wiederum die Regeneration beschleunigt werden. Dabei ist vor allem die Rede davon Verklebungen der Faszien zu lösen.
Faszien sind eine bindegewebige Hüllschicht, welche einzelne Muskeln, Muskelgruppen oder ganze Körperabschnitte umgeben (vgl. https://flexikon.doccheck.com/de/Faszie). Dabei geben Faszien Kräfte im Körper weiter (vgl. Chris et al., 2015).
Das Training mit der „Faszienrolle“ ist jedoch noch recht neu und viele Effekte mit denen es in der Praxis beworben wird, lassen sich bisher wissenschaftlich nicht bestätigen. 
Welche Effekte können denn nun wirklich von der Wissenschaft gestützt werden und welche nicht?

Ein Mythos lässt sich jedoch direkt zu Beginn widerlegen: egal wie viel wir uns auf den „Faszienrollen“ oder verschiedensten Bällen bewegen und dem „Faszientraining“ hingeben, ggf. vorhandene Verklebungen in unseren Faszien werden wir damit wohl kaum lösen. 
Um unsere Faszien in ihrer Form oder Länge zu verändern müssen wir Kräfte auf das jeweilige Gewebe ausüben, welche ein normales physiologisches Maß bei weitem überschreiten. Dies können wir nicht mit dem Rollen auf verschiedenen Gegenständen erreichen (Chaudhry et al., 2008).

Doch welche Effekte können wir nun durch das Training mit der „Faszienrolle“ erwarten. Der aktuelle Stand in der Wissenschaft gibt uns Belege für folgende Effekte durch das Training mit der „Faszienrolle:  

  1. verschiedene Untersuchungen fanden eine kurzzeitige Steigerung der Bewegungsamplitude im betreffenden Gelenk (vgl. Bushell et al., 2015; MacDonald et al., 2013; Peacock et al., 2015; Sullivan et al., 2013; Jay et al., 2014; Halperin et al., 2014: Bradbury-Squires et al., 2014; Grieve et al., 2014; Skarabot et al., 2015)

  2. statisches Dehnen in Kombination mit dem Training der „Faszienrolle“ zeigt größere Effekte als Dehnen oder rollen allein (Mohr et al., 2014; Skarabot et al., 2015)

  3. Allerdings zeigt uns die aktuelle Studienlage auch, dass dieser Effekt leider nur von kurzer Dauer ist und sich schnell wieder verflüchtigt (Skarobot et al, 2015; Bushell et al, 2015; MacDonald et al., 2013; Jay et al., 2014)

  4. Ebenso scheint das Training mit der „Faszienrolle“ dabei zu helfen die Verminderung der Leistungsfähigkeit nach einem intensiven Training zu reduzieren (also die Regeneration fördern) und senkt das individuell wahrgenommene Schmerz-Level (MacDonald et al., 2014; Pearcy et al., 2015; Jay et al., 2014)

  5. Dagegen zeigt Foam Rolling keinen Effekt auf die muskuläre Leistungsfähigkeit, weder in negativer noch positiver Art (Healey et al., 2014; Peacock et al., 2015; Mikesky et al., 2002; MacDonald et al., 2013; MacDonald et al., 2014; Sullivan et al., 2013; Halperin et al., 2014)


Woraus entstehen die beschriebenen Effekte, wenn sie nicht durch die Beeinflussung der Faszien entstehen?
Leider kann uns hierzu die Wissenschaft noch keine Antwort geben. Es werden viele verschiedene Theorien diskutiert, aber keine kann bisher wissenschaftlich belegt werden. Weshalb bisher nur spekuliert werden kann. Diskutiert werden diverse mechanische und neurophysiologische Effekte. Ebenso ist es möglich, dass das Training mit der „Faszienrolle“, ähnlich wie statisches Dehnen, zu einer erhöhten Schmerztoleranz führt (Chris et al., 2015).

Im Punkt der verbesserten Regenerationsfähigkeit durch das Training mit der „Faszienrolle“ liegt in den Untersuchungen leider ein methodischer Mangel vor, da die „Faszienrolle“ unmittelbar vor jeder Nachuntersuchung zum Einsatz kam. Somit kann lediglich auf einen unmittelbaren Effekt der „Faszienrolle“ geschlossen werden, welcher z.B. durch ein kurzfristig reduziertes Schmerzempfinden und nicht durch eine nachhaltig gesteigerte Regeneration zu erklären wäre. 
So ist leider nicht möglich zu unterscheiden ob der aufgetretene Effekt wirklich einer beschleunigten Regeneration zu verdanken ist.

Einen weiteren Kritikpunkt stellen die bei bisherigen Veröffentlichungen eher geringen Versuchsgruppengrößen dar, die Rückschlüsse etwaiger Effekte auf die Allgemeinheit erschweren. Qualitativ hochwertigere Studien stehen bisher aus. 

Was bedeutet das ganze nun für die Praxis?
Für die langfristige Steigerung der Beweglichkeit oder das Lösen von Verspannungen ist das Tool der „Faszienrolle“, allein, hingegen nicht geeignet. Allerdings kann die „Faszienrolle“ dafür genutzt werden um nach deren Einsatz, mittels weiterer Methoden, das Bewegungsausmaß wieder herzustellen und somit langfristig für eine Schmerzlinderung zu sorgen.
Auf die Anwendung von weiteren Hilfsmittel oder Trainingsmethoden, für die zu Beginn genannten Ziele, sollte deshalb auf keinen Fall verzichtet werden.
Nach aktuellem Stand der Wissenschaft, kann auch für eine verbesserte Fähigkeit der Regeneration leider kein langfristiger Effekt nachgewiesen werden.
Die Mittels Foam Rolling zu erzielende Schmerzreduktion, scheint nur von kurzer Dauer zu sein und stellt lediglich eine symptomatische, nicht aber ursächliche Maßnahme dar. Eine nachhaltige Schmerzreduktion sollte immer die Frage nach der Ursache stellen und auf eine entsprechende Funktionsverbesserung abzielen (z.B. Wiederherstellung des Bewegungsausmaßes bei gleichzeitiger Kräftigung).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Training mit der Faszienrolle alleine lediglich kurzfristige Effekte erzielt, jedoch andere Methoden des Beweglichkeitstrainings unterstützend ergänzen kann.

Quellen:

  • Bradbury-Squires, D.J., Noftall, J.C., Sullivan, K.M., Behm, D.G., Power, K.E. & Button, D.C. (2014). Roller-massager application to the quadriceps and knee-joint range of motion and neuromuscular efficiency during a lunge. Journal of Athletic Training 50: 133-140.

  • Bushell, J.H., Dawson, S.M. & Webster, M.M. (2015). Clinical Relevance of Foam Rolling on Hip Extension Angle in a Functional Lunge Position. Journal of Strength and Conditioning Research, 29 (9): 2397-2403.

  • Chaudhry, H., Schleip, R., Ji, Z., Bukiet, B., Maney, M. & Findley, T. (2008). Three-Dimensional Mathematical Model for Deformation of Human Fasciae in Manual Therapy. The Journal of the American Osteopathic Association, 108 (8): 379-390.

  • Cheatham, S., Kolber, M., Cain, M. & Lee, M. (2015). The Effects of Self-Myofascial Release using a Foam Roll or Roller Massager on Joint Range of Motion, Muscle Recovery, and Performance: A Systematic Review. The International Journal of Sports Physical Therapy, 10 (6), 827-838.

  • Chris, B. & Skarabot, J. (2015). Effects of Self-Myofascial Release: A Systematic Review. Journal of Bodywork & Movement Therapies.

  • Grieve, R., Goodwin, F., Alfaki, M., Bourton, A.J., Jeffries, C. & Scott, H. (2014). The immediate effect of bilateral self myofascial release on the plantar surface of the feet on hamstring and lumbar spine flexibility: A pilot randomised controlled trial. Journal of Bodywork and Movement Therapies 19 (3): 544-552.

  • Halperin, I., Aboodarda, S.J., Button, D.C., Andersen, L.L., Behm, D.G. (2014). Roller massager improves range of motion of plantar flexor muscles without subsequent decreases in force parameters. International Journal of Sports Physical Therapy 9: 92-102.

  • Healey, K.C., Hatfield, D.L., Blanpied, P., Dorfman, L.R., Riebe, D. & Hatfield, D.L. (2014). The effects of myofascial release with foam rolling on performance. Journal of Strength and Conditioning Research 28: 61-68.

  • Jay, K., Sundstrup, E., Sondergaard, S.D., Behm, D., Brandt, M., Saervoll, C.A., Jakobsen, M.D. & Andersen, L.L. (2014). Specific and crossover effects of massage for muscle soreness: randomized controlled trial. International Journal of Sports Physical Therapy 9: 82-91.

  • MacDonald, G.Z., Penney, M.D., Mullaley, M.E., Cuconato, A.L., Drake, C.D., Behm, D.G. & Button, D.C. (2013). An acute bout of self-myofascial release increases range of motion without a subsequent decrease in muscle activation or force. Journal of Strength and Conditioning Research 27: 812-821.

  • MacDonald, G.Z., Button, D.C., Drinkwater, E.J. & Behm, D.G. (2014). Foam rolling as a recovery tool after an intense bout of physical activity. Medicine and Science in Sports and Exercise 46: 131-142.

  • Mikesky, A.E., Bahamonde, R.E., Stanton, K., Alvey, T. & Fitton, T. (2002). Acute effects of The Stick on strength, power, and flexibility. Journal of Strength and Conditioning Research 16: 446-50.

  • Mohr, A.R., Long, B.C. & Goad, C.L. (2014). Foam rolling and static stretching on passive hip flexion range of motion. Journal of Sport Rehabilitation 23: 296-299. 

  • Peacock, C.A., Krein, D.D., Antonio, J., Sanders, G.J., Silver, T.A. & Colas, M. (2015). Comparing acute bouts of sagittal plane progression foam rolling vs. frontal plane progression foam rolling. Journal of Strength and Conditioning Research 29 (8): 2310-2315.

  • Pearcey, G.E., Brandbury-Squires, D.J., Kawamoto, J.E., Drinkwater, E.J., Behm, D.G. & Button, D.C. (2015). Foam rolling for delayed-onset muscle soreness and recovery of dynamic performance measures. Journal of Athletic Training 50: 5-13.

  • Skarabot, J., Beardsley, C. & Stirn, I. (2015). Comparing the effects of self-myofascial release with static stretching on ankle range-of-motion in adolescent athletes. International Journal of Sports Physical Therapie 10 (2): 203-212.

  • Sullivan, K.M., Silvey, D.B., Button, D.C. & Behm, D.G. (2013). Roller-massager application to the hamstrings increases sit-and-reach range of motion within five to ten seconds without performance impairments. International Journal of Sports Physical Therapy 8: 228-236.